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Pfarrer Stefan Maus Predigt

09/06/17

Predigt zur Jahreslosung 2016

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. Jesaja  66,13

 

Liebe Gemeinde

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. Sich Gott als Mutter vorzustellen, ist etwas ungewöhnlich. Wir sind es ja eher gewohnt ihn als Vater im Himmel anzureden. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.  Ein schönes Bild, es steht für Geborgenheit, Verständnis. Liebe, für Erfahrungen, die Menschen mit Gott gemacht haben und machen.  Natürlich ist Gott kein Mann und auch keine Frau, weder Schwarz noch Weiß, weder Alt noch Jung. Gott existiert jenseits all dieser menschlichen Kategorien, aber deshalb gibt es für uns Menschen auch keine Möglichkeit in mit einem allumfassenden Begriff zu beschreiben, wir haben eben nur unsere Kategorien, unsere Vorstellungen und können daher immer nur bildhaft von Gott sprechen.

Die Bibel ist voller Bilder von Gott. Menschen erleben Gott als guten Hirten, als Richter, König, Arzt, Quelle, Burg, Licht und so weiter und so fort. Viele dieser Bilder sprechen uns auch heute noch an, wir können nachempfinden, was die Menschen, damit über Gott sagen wollten. Dieser Bilder sind hilfreich, wenn wir sie nicht für absolut nehmen, sondern immer nur als eine Annäherung an den, den  wir mit unseren Ausdrucksmöglichkeiten nie in seiner ganzen Größe fassen werden.

 

Das gilt aber eigentlich nicht nur für Gott. Wenn wir unsere   Erkenntnismöglichkeiten kritisch betrachten, so wie es Philosophen und Theologen seit Jahrhunderten tun, dann wissen wir dass wir eigentlich immer nur ein Bild haben von der Welt die uns umgibt und auch von uns selbst, ob dieses Bild der Wirklichkeit entspricht, können wir nie sicher wissen, wir vermuten es solange bis es Gründe gibt daran zu zweifeln und dann bemühen wir uns um ein besseres zutreffenderes Bild, das aber seinerseits nur eine weitere Annäherung darstellt, nicht aber die Wirklichkeit an sich. 

Vielleicht klingt ihnen das, was ich gerade ausgeführt habe viel zu theoretisch, weit weg von der Wirklichkeit ihres Alltages. Aber das stimmt so nicht. Den dass unsere Vorstellungen vor der Welt und den Menschen sich änderen können, dass haben besonders die älteren von ihnen am eigenen Leib erfahren.

 

Als sie jung waren, gab es noch relativ feste Vorstellungen von dem, was ein Mann ist und was er zu tun hat und umgekehrt, was eine Frau ist und was ihre Aufgaben sind.

Da hat sich vieles verändert und dabei ist so manches, was sie ganz persönlich auch als Befreiung erlebt haben.

Auf den ersten Blick trifft dies vor allem für die Frauen zu, denen heute alle Berufe offenstehen  mit Ausnahme des Priesteramtes in der katholischen Kirche. Sicher  gibt es auch heute  Beschäftigungen,  die mehrheitlich von Frauen ausgeübt werden und oft sind  das dann auch solche die schlechter bezahlt werden, aber das Bild wandelt  sich.

Es wandelt sich  im Bezug  auf die Rollenverteilung  innerhalb einer Beziehung. Und  das hat auch für die Männer große Vorteile, die sich heute viel intensiver an der Betreuung der Kinder beteiligen, was  natürlich auch Belastungen mit sich bringt, aber einem  auch sehr viel geben kann. Anfang der Woche habe ich von einem Spitzenkoch gelesen, der bereit war auf seinen Stern zu verzichten, um Zeit für seinen Sohn zu haben. Einer der ersten Sätze, die das Kind sprechen konnte, lautete: Papa ist arbeiten. Das hat den Mann wachgerüttelt.

Personalmanager auf der Suche nach Führungskräften wissen dass sie heute eher mit einem betriebseigenen Kindergarten punkten können als mit einer Nobelkarosse als Dienstwagen.  Das ist für mich eine gute Entwicklung. 

 Es macht auch Sinn,  dass die Aufgaben im Haushalt nach Neigung und Begabung und nicht nach dem Geschlecht  verteilt werden. Es gibt Männer, die beim Bügeln entspannen und Frauen, die beim Bohren, Schrauben und Montieren ihr ganzes Geschick entfalten.

Beim Kochen holen die Männer deutlich auf, wenn denn überhaupt noch gekocht wird.  Ich persönlich war da schon immer der Meinung, dass Essen mir viel zu wichtig ist, um es einer Frau zu überlassen.

Natürlich beinhalten diese Entwicklungen auch Gefahren, wenn nichts mehr selbstverständlich ist, muss alles ausgehandelt werden und das gelingt nicht immer. Wenn am Ende alle alles machen sollen ist die Überforderung vorprogrammiert. Oft spuken traditionelle Vorstellungen doch noch irgendwo in unseren Köpfen, erzeugen Erwartungshaltungen, die schlicht nicht zu erfüllen sind.

Der Druck den Männer und Frauen sich da selbst machen, weil sie in als Eltern, im Beruf, als Partner und wo auch immer  perfekt sein möchten, ist heute kaum geringer als der Druck der von traditionellen Rollenbildern ausging.

Dennoch ist es gut, dass diese Zeiten vorbei sind. Gut für Männer und für Frauen.  Denn schaut man sich diese traditionelle Rollenverteilung, die ja in vielen Kulturen auch heute noch existiert,  etwas genauer an, dann schwinden einem als Mann jegliche Illusionen.

Wie stark ist die Position eines Mannes denn wirklich, der nach außen hin den Ton anzugeben scheint, aber darauf angewiesen ist, dass ihm  seine Frau jeden morgen frische Wäsche hinlegt. In der traditionellen Rollenverteilung haben Frauen reichlich Gelegenheit zur indirekten Machtausübung, durch permanentes intrigieren und das schaffen von realen und vor allem emotionalen Abhängigkeiten. Die Söhne werden verwöhnt, um sie an die Mutter zu binden, die diese Bindung dann nutzt um im Hintergrund die Strippen zu ziehen. Töchter und Schwiegertöchter haben da zunächst das nachsehen, aber sie haben auch die Chance Mutter zu werden und das verlogene Spiel dann irgendwann zu ihren Gunsten fortzusetzen. Die  Männer scheinen von außen betrachtet die Gewinner   zu sein, aber in Wirklichkeit werden sie ein Leben lang in einer emotionalen Abhängigkeit gehalten, ständig manipuliert und daran gehindert ihr Leben tatsächlich in die eigene Hand zu nehmen und ein realistisches Bild und ihren Möglichkeiten und ihren Grenzen zu entwickeln.

Das ist ein ziemlich übles Spiel, bei dem alle Beteiligten schaden nehmen, wo es am Ende nur Verlierer gibt, und deshalb können wir eigentlich nur froh sein, so etwas  hinter uns zu lassen, auch wenn dadurch wieder neue Probleme und Gefahren entstanden sind. 

 

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

Wir können nicht anders als in Bildern von Gott reden, aber das beinhaltet eine Gefahr.  Das, was wir mit so einem Bild verbindet, muss längst nicht bei allen das gleiche sein. Wer einen sehr autoritären Vater erlebt hat oder  noch schlimmer einen chaotischen, völlig auf sich selbstbezogenen und deshalb willkürlich handelten Vater, dem wird diese Redeweise vom einem Vater im Himmel nicht unbedingt einen Weg zu Gott öffnen.

Aber auch Mütter können fürchterlich sein. Und am schlimmsten sind die, die es angeblich immer nur gut meinen, aber in Wirklichkeit ihre Kinder ständig emotional missbrauchen, weil  die Kinder das sein und werden sollen, was ihre Mütter sich immer für sich gewünscht, aber nie zustande gebracht haben. An einem Vater kann man sich ein Leben lang abarbeiten, das ist an sich  schon Belastung genug. Aber eine Mutter kann ihr Kind so vollständig manipulieren, dass es gar nicht mehr wagt irgendeinen eigenen Gedanken zu fassen, weil die Angst vor dem Liebesentzug so tief ins Unterbewusstsein eingebrannt ist, dass dieses Kind ein Leben lang an der Leine geführt wird ohne dies überhaupt wahrzunehmen. Das ist eine ganz subtile Form der Unterdrückung, die alles in den Schatten stellt, was sich die Tyrannen und Diktatoren dieser Welt bisher ausgedacht haben.

Es ist wichtig von Gott nicht nur als dem Vater zu reden, weil sonst das Missverständnis nahe liegt, Gott sei ein Mann.  Aber ob wir Gott nun als Vater oder Mutter bezeichnen, wir müssen dann doch noch ein paar Worte darüber verlieren, wie wir uns dieses Vater oder Mutter-Sein vorstellen, weil es neben den vielen guten Erfahrungen und positiven Assoziationen, immer auch sehr bedrückende geben kann, von denen es sich zu distanzieren gilt. Denn der Gott der Bibel zu dem wir kommen dürfen wie zu Mutter und Vater, ist einer der liebt ohne zu unterdrücken, dessen größte Freude es ist, wenn wir uns zu eigenen Persönlichkeiten entwickeln, der die Vielfalt und die Unterschiedlichkeit der Begabungen und Charaktere bejaht, der uns einlädt unser Leben von seiner Liebe leiten zu lassen, der sich uns aber nicht aufzwingt. 

 

Nicht nur die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau hat sich verändert, sondern auch die Wahrnehmung, dass es eben nicht nur Männer gibt die Frauen lieben und Frauen die Männer lieben, sondern auch Frauen, die Frauen und Männer, die Männer lieben.  Und Menschen, die biologisch zu dem einem, von ihrem Empfinden, ihrer Denk- und Verhaltensweise dem anderen Geschlecht angehören.

Das ist eine Entwicklung, die auf einige verstörend wirkt, weil sie da ganz elementare Bestandteile der eigenen Persönlichkeit in Frage gestellt fühlen.  Aber das ist doch eigentlich ein Missverständnis. Es geht doch nicht darum irgendwelche Lebensformen zu propagieren, die ich mir dann nach belieben aussuchen könnte, sondern schlicht darum etwas anzuerkennen, was es schon immer gab, aber in vielen Kulturen nicht sein durfte oder sein darf und darum Menschen zwingt sich selbst zu verleugnen, obwohl von ihrem Anderssein keine Bedrohung für den Rest der Gesellschaft ausgeht.

Die eigene sexuelle Orientierung sucht sich keiner aus, sondern die entdeckt jeder von uns im Lauf seines Heranwachsens.  Die Gesellschaft entscheidet darüber, ob es ein Problem ist, hier von der Mehrheit abzuweichen. Es gibt sexuelle Orientierungen die eine Gesellschaft nicht zulassen darf, weil dadurch anderen Menschen Schaden zugefügt würde. Aber wenn dies nicht der Fall ist, steht es zwei erwachsene Menschen frei in gegenseitigen Einverständnis ihre Sexualität zu entfalten. 

Und wenn sie dies in Verantwortung vor Gott tun wollen und eine Beziehung auf Dauer eingehen möchten, dann sollte ihnen das nicht nur der Staat, sondern auch die Kirche ermöglichen. Auf der diesjährigen Synode unserer Landeskirche wird darüber entschieden werden, ob homosexuelle Paare getraut werden dürfen. Bisher war nur eine Segnung möglich, wobei diese Unterscheidung zwischen Segnung und Trauung auch bisher schon weder theologisch, noch im praktischen Vollzug wirklich nachvollziehbar war.

Was wir bei einer Trauung segnen, ist ja nicht diese oder jene Form von Sexualität. Die Zeiten, in denen die Kirchen meinten bis in die Schlafzimmer hinein den Menschen Vorschriften machen zu müssen, haben wir Gott sei Dank hinter uns gelassen.  Was wir segnen ist doch der Entschluss zweier Menschen füreinander bindend und auf Dauer Verantwortung zu übernehmen, was sie dadurch bekunden, dass sie in ein rechtlich definiertes Verhältnis zueinander treten. Dieses Vorhaben ist immer ein äußerst anspruchsvolles Unterfangen, den „Ernstfall der Nächstenliebe“ hat es Ernst Lange einmal genannt, denn je näher ich einen Menschen an mich heranlassen, um so schneller kann er mich auch enttäuschen. Da spielt das Geschlecht der jeweiligen Partner keine Rolle. Dennoch ermutigen wir Menschen dieses Wagnis der Liebe einzugehen, weil aus ihm auch sehr viel gutes erwachsen kann für die beiden und für dritte. Das gilt hier wie da und deshalb ist es nur konsequent, die Trauung an dieser Stelle zu öffnen.

Ich weiß, dass da bei einigen große Widerstände bestehen. Diejenigen bitte ich doch noch mal in sich zu gehen und zu überprüfen, ob es wirklich notwendig ist, anderen Rechte vorzuenthalten, damit ich mich nicht in der eigenen Identität angegriffen fühle.

Dass wir uns durch Abgrenzung unserer selbst vergewissern, ist  eine gängige menschliche Verhaltensweise, die aber von Jesus gezielt durchbrochen wurde. Jesus hat sich bei der Auswahl seiner Jünger und derer, denen er seine Hilfe zu teil werden ließ, immer wieder über gängige Konventionen hinweggesetzt. Seine Botschaft lautet: Ihr habt das alles nicht nötig, denn ihr könnt alle Gewissheit, die ihr braucht, daraus schöpfen zu dem einen zu gehören, der euch alle angenommen hat, der euch Vater und Mutter, Fels und Schild, Quelle und Licht ist, jedem von uns auf seine Weise und doch so das es dabei keinem an irgendetwas fehlt. 

Möge Gott uns allen diese Gewissheit schenken, die uns Sicherheit gibt und Größe verleiht. Amen.

06/20/15

Synodalpredigt in der Grafenberghalle zu Sponheim

Synodalpredigt

 

Hohe Synode, liebe Brüder und Schwestern.

Der  Pfarrer, die Pfarrerin droht gerade zu einen seltenen Gut zu werden und darüber sind wir hier zurecht beunruhigt. Aber nicht alle Menschen teilen diese Einschätzung.

Bereits vor mehr als 250 Jahren hat David Hume  in seinem  Essay über den Charakter der  Nationen die Behauptung aufgestellt, dass das Vorhandensein eines geistlichen Standes die Moral eines  Volkes auf die Dauer untergraben müsse.

Das Problem sagt Hume, liegt einfach darin, dass ein Geistlicher seine Religiosität zu seinem Beruf macht. Die Erfahrung lehre nun aber , dass religiöse Gefühle sich keineswegs beständig und zu jeder Zeit einfänden, sondern gravierenden Schwankungen unterlägen. Dadurch gerät der Geistliche mit schöner Regelmäßigkeit in die Verlegenheit, dass ihm das Fundament seiner Profession im Augenblick  nicht zur Verfügung steht. Und er könnte, so in Not geraten, gar nicht anders, als so zu tun als ob. Nun ließe sich diese Not anderen gegenüber auf Dauer nicht verbergen und wenn die Menschen immer wieder erleben müssten, dass ausgerechnet diejenigen, den sie ihre höchsten Werte anvertraut haben, ständig versuchen sich und anderen etwas vorzumachen, dann könne dieses schlechte Beispiel an so prominenter Stelle gar nichts anderes, als eine zerstörerische Wirkung auf die Moral eines Volkes haben.

Ja, liebe Brüder und Schwestern, das ist starker Tobak, aber es lohnt sich, diese Zumutung einmal an sich heran zu lassen. 

David Humes Argumentation ist logisch und stringent, aber auch sie steht und fällt natürlich mit ihren Prämissen. Was die Zuverlässigkeit religiöser Gefühle angeht,

wird man sagen müssen, dass sowohl das biblische Zeugnis als auch die persönliche Erfahrung lehren, dass es keinen Glauben ohne Zweifel gibt.   In der Bibel ringt selbst der  Sohnes Gottes im Garten Gethsemane mit seinen Anfechtungen.  Alle für die der Glaube kein stures Führwahrhalten, sondern eine lebendige Beziehung darstellt, dürften David Humes Beobachtung ohne weiteres zustimmen können. 

Wie aber verhält es sich mit der anderen Prämisse: Macht der Geistliche  seine Religiosität zu seinem Beruf?

Die eigene Religiosität, der persönliche Glaube sind sicherlich ein Ausschlag gebendes Motiv, diesen Beruf zu ergreifen.  Ohne diesen Glauben dürfte es  schwierig werden den Pfarrberuf auf Dauer auszuüben und die damit verbundenen Herausforderungen zu bestehen. Kein Examen der Welt kann das überprüfen, aber das sollte uns kein allzu großes Kopfzerbrechen bereiten. Rein theoretisch könnte ein Vegetarier  Metzger werden, allzu wahrscheinlich ist das aber nicht.

Dass ein Pfarrer glaubt,  ist eine notwendige Bedingung zur Ausübung dieses Berufes,   aber  keine hinreichende. Nicht dass er glaubt, macht den Pfarrer zu dem, was er ist, denn das unterscheidet ihn ja nicht von seinen Mitchristen, sondern seine Ausbildung ist es, die ihm seine besondere Position in der Gemeinschaft der Gläubigen verleiht.

 In 2000 Jahren Christentum mit seiner Verwurzlung im Judentum hat sich ein großer Schatz von Erfahrungen mit Gott angehäuft. Um diesen Schatz zu heben, muss ich mich  allerdings mit ihm auseinander setzen. Die Zeit und den Aufwand dafür kann aber nicht jeder und jede von uns erübrigen. Aber einige können dies für sich und für andere tun und dann das, was sie zunächst für sich erwerben, anderen zur Verfügung stellen. Helfer / Helferinnen zum Glauben sind wir als Pfarrerinnen und Pfarrer, das ist für mich der Kern unserer Aufgabe. In der Wirklichkeit unseres Pfarrberufs sind wir noch  vieles andere und das ist zuweilen soviel, dass darüber das eigentliche  verloren zu gehen droht.

In den Kirchen der Reformation gilt das Priestertum aller Gläubigen. Danach haben  Geistliche zwar ein besonderes Amt, das sie im Auftrag aller anderen in der Kirche ausüben, aber  keine besondere Stellung vor Gott. Luther hat gelehrt, nicht nur Geistliche sind  von Gott berufen, sondern ein jeder Christ hat den Auftrag, dort wo Gott ihn hinstellt, seine Aufgaben zum Lob Gottes und dem Nächsten zum Nutze auszuüben. Ob ich Pfarrerin bin oder Metzger, Chefärztin oder Müllwerker,  nicht was ich tue ist entscheidend, sondern wie ich es tue. 

Nur ist  diese reformatorische Forderung leider ein uneingelöstes Versprechen geblieben.  Eine Sonderstellung der Geistlichen hat sich auch bei uns  bis heute de Facto erhalten.

Der Pfarrer ist auch nur ein Mensch, wer das sagt meint es gut mit uns und dennoch ist so eine Aussage verräterisch. Was sollte denn ein Pfarrer bitteschön anders sein.

Warum ist das so? Warum hält sich diese Sonderstellung so hartnäckig. Ich glaube um der  Wurzel dieses Phänomens auf den Grund zu gehen, müssen in der Geschichte der Menschheit weit zurückgehen. Der Mensch ist das Tier, das um seinen Tod weiß und mit dem Wissen um die eigene Sterblichkeit, steht natürlich die Frage nach dem Sinn des eigenen Daseins im Raum. Diese Frage war und ist nicht leicht zu beantworten. Es gab aber schon immer Menschen, die für solche Fragen offener sind als andere.  Und darum lag es nahe, diese die meisten Menschen eher verunsichernden Themen, besonderen Menschen anzuvertrauen, die nun stellvertretend und vermittelnd den Umgang mit   dem Unverfügbaren pflegten. Auf dieser Weise wurde das Unverfügbare innerhalb der menschlichen Gemeinschaften dann doch wieder ein ganzes Stück greifbarer, weil es von bestimmten Personen repräsentiert wurde.  Heilige Männer und Heilige Frauen finden sich nahezu in jeder menschlichen Kultur, weil es vielen ein Bedürfnis ist solche Fragen zu delegieren und einigen ein Bedürfnis ist diesen Fragen ihr Leben zu widmen. Und an dieser Stelle könnten wir zu dem Schluss kommen, wenn das so ist und alle was davon haben, warum dann krampfhaft am Ideal eines Priestertums aller Gläubigen festhalten?

Nun ist diese Forderung ja nicht einfach ein Spleen unserer reformatorischen Väter, sondern ein Akt des Gehorsams gegenüber einer Entscheidung, die nicht sie, sondern Gott getroffen hat.

Und der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus, dieses leicht zu überlesende Detail der Schilderung des Sterbens Jesu, beschreibt eine Entscheidung, die wir ernst zu nehmen haben. Der Vorhang im Tempel der die Grenze zwischen dem Bereich der Priester und dem des Volkes markiert, reißt in Stücke, nun haben alle unmittelbaren Zugang zu Gott, es bedarf nun nicht länger der Vermittlung durch Priester. Am Kreuz von Golgatha starb auch der Heilige Mann/ die Heilige Frau. Gott selbst hat ihnen ihrer Existenzberechtigung entzogen und deshalb gab es in den ersten christlichen Gemeinden viele Ämter aber keine Priester.  Später  hat diese Vorstellung vom Heiligen Mann in den christlichen Kirchen eine fröhliche Auferstehung erlebt und sie wird bis auf den heutigen Tag auf vielfältige Weise bedient, spukt auch in unseren Köpfen, selbst wenn wir es eigentlich besser wissen. 

Haben Sie sich  auch schon einmal gefragt, wie Gott eigentlich am siebten Tag ruhen konnte. Schließlich ist er doch der Allmächtige, derjenige der beständig alles seiende hervorbringt. Da müsste doch alles zusammenbrechen, wenn Gott beschließt einmal Pause zu machen. Aber da gibt es ja noch die evangelischen Pfarrerinnen und Pfarrer, die immer im Dienst sind, 24 Std am Tag, 365 Tage im Jahr und die springen dann ein.

Ja, das ist zum lachen, aber dann auch wieder nicht, denn hier wird hoffentlich deutlich, das solche Erwartungen nicht nur absurd sind, sondern auch Sünde in ihrer ursprünglichsten Form, der Hybris, der Selbstüberhebung. Wenn Menschen anfangen Gott zu spielen, dann kann das nur schief gehen.  

Wenn wir mehr sein sollen und  vielleicht auch mehr sein wollen, als wir sein können, dann liebe Schwestern und Brüder tappen wir genau in die Falle, die  David Hume so erbarmungslos aufgedeckt hat. Aber wir können das auch sein lassen.   500 Jahre Reformation feiern wir demnächst, ein guter Anlass, eine bisher nicht eingelöste Forderung anzugehen und den Pfarrberuf  von falschen und selbstzerstörerischen Idealen zu befreien, die sich ja nicht nur in unseren Köpfen, sondern auch in den Texten finden, die den Pfarrdienst beschreiben, die aber oft genau das Gegenteil von dem tun, was Recht leisten soll:  Klarheit zu schaffen. Dienstanweisungen entfachen in der Regel ein einziges Wunschkonzert, ohne das irgendwo der Gedanke auftauchen würde, wie viel Zeit diese Aufgaben erfordern. Das Haushaltsbuch hat uns genötigt unsere Arbeit in Prozentanteilen zu definieren, wenn wir es denn jetzt endlich schaffen würden, die Arbeitszeit im Pfarrberuf festzulegen, dann wären wir an dieser Stelle schon ein ganzes Stück weiter. 

Diese unklaren und unrealistischen Erwartungen münden oft genug in den Versuch es stets allen Recht machen zu wollen, einer Versuchung in der ich mich auch des öfteren wiederfinde, obwohl ich genau weiß, dass so ein Vorgehen  schon im Ansatz zum Scheitern verurteilt ist.  Auf das Vorbild Jesu können wir uns da nicht berufen, der war kein aalglatter Schönredner, kein wachsweicher Opportunist, sondern hat jede Menge Anstoß erregt 

Ein solches Verhalten  wäre vielmehr einer chronischen Konfliktscheu geschuldet, an der diese Kirche insgesamt massiv leidet. Einmütigkeit als Ziel eines Prozesses des Ausgleichs von Interessen  ist eine gute Sache, aber so zu tun gäbe es unter uns keine Interessenskonflikte,  weil wir ja alle Schwestern und Brüder sind, damit tun wir uns keinen Gefallen.

Und da gibt es noch so ein Falle, in die wir Pfarrerinnen und Pfarrer leider allzu leicht hineintappen. An einen unsichtbaren  und unverfügbaren Gott glauben zu müssen ist eine Zumutung, aber die dürfen wir als Pfarrerinnen und Pfarrer nicht dadurch zu lindern suchen, dass wir meinen hier den Ersatzheiligen spielen zu müssen. Das wäre nämlich nichts anderes als einen Neuauflage der Geschichte vom  Goldenen Kalb und das haben wir deshalb schön bleiben zu lassen.

Wir gehen  Zeiten entgegen, die uns Pfarrer und Pfarrerinnen noch sehr viel stärker nötigen werden,  zu entscheiden, was wir weiterhin anbieten und was wir in Zukunft lassen werden. Das ist etwas, was die meisten von uns, nicht gut können.  Wir sind in der Regel ganz anders gepolt, sehen eher immer noch weitere Herausforderungen, denen wir uns eigentlich stellen müssten, und sind nicht sehr gut darin, uns zu begrenzen. Aber unsere Grenzen holen uns ein und das kann übel enden.  Aus einer Depression kann man uns eventuell wieder heraushelfen, bei einem Herzinfarkt kann auf einen Schlag alles vorbei sein.  Und wenn wir dann vor unseren Schöpfer treten, sollten wir nicht darauf bauen, mit offenen Armen empfangen zu werden, weil wir uns ja in unsrem Dienst aufgeopfert haben. Eher wird Gott traurig den Kopf schütteln und feststellen: Jetzt weißt du so viel über mich und hast doch nichts begriffen.

Denn am Kreuz vom Golgatha hat Gott das eine unüberbietbare Opfer erbracht, damit danach Schluss ist mit dem opfern. Nichts was wir zustande bringen, könnte auch nur im entferntesten an das heranreichen, was Gott in Jesus Christus für uns getan hat. Ganz im Gegenteil, wer jetzt noch meint Opfer bringen zu müssen, der leugnet de facto Gottes Heilstat an uns Menschen, auch wenn er sie noch so lautstark von der Kanzel predigt. Wenn Jesus uns auffordert, in seiner Nachfolge unser Kreuz auf uns zu nehmen, dann meint er das Leid, das es zwangsläufig in jedem Leben gibt, aber ganz bestimmt nicht, dass wir das Leid auf Erden künstlich vermehren, indem wir auf Teufel  komm raus Märtyrer spielen. Das ist nicht nur unnötig sondern auch ein Akt des Ungehorsams und der Selbstüberhebung. 

Wir sind es Gott, unserem Nächten und  uns selbst schuldig auf  uns Acht zu geben.   Wenn wir in den nächsten Jahren  der Reihe nach ausfallen,  gibt es niemanden, der uns ersetzen könnte. Sich selbst zu begrenzen und darauf zu achten, dass all das, was mir wieder Kraft gibt, in meinem Leben auch genügend Raum bekommt, darauf kommt es an und darin müssen wir uns üben, auch wenn das zunächst schwer fällt. Das ist nicht nur Gebot der Stunde, sondern auch Gottes Forderung an uns, der uns unser Leben, mit Körper, Geist und Seele nicht dazu geschenkt hat, dass wir all dies vernachlässigen.

Dazu brauche ich aber die innere Freiheit. 

 

Idealismus ist eine schöne Sache, aber keineswegs über alle Zweifel erhaben, denn Idealisten gab es auch unter den Nazis, ganz zu schweigen von den religiösen Fanatikern der Gegenwart und der Vergangenheit.

Der Arzt und Psychotherapeut Thomas Bergner schreibt hierzu: Idealismus ist etwas fürs Privatleben, im Beruf hat er nichts verloren. Einen Beruf sollte man fachlich kompetent mit guten Engagement und zumindest grundsätzlich mit  Freude an den Inhalten ausüben. Punkt.  Dies gilt nach Bergener auch für Pfarrer, Ärzte oder Lehrer.  Idealismus, so Bergener, werde als ehrlich empfunden, sei aber in Wirklichkeit eine Störung, bei der man meint, die eigene Macht ungefragt und maßlos in Form von Hilfe anderen aufdrücken zu müssen. Ich glaube, da lohnt es sich durchaus, einmal das eigene Treiben kritisch zu hinterfragen. Mir hat das jedenfalls einiges gebracht. 

Eigentlich habe ich einen  schönen Beruf, der mir sehr viel gibt, aber das ist erst so, seit ich begonnen habe, mich zu begrenzen und von falschen Idealen zu verabschieden.  Ob uns die Vielfalt der Aufgaben bereichert oder erschlägt hängt nicht nur von den äußeren Strukturen ab, die sich gerade objektiv verschlechtern, auch nicht nur  von der Erwartungen, die andere an uns herantragen, sondern ganz entscheidend  auch  von unserer inneren Einstellung.  Zwischen Himmel und Hölle verläuft da ein schmaler Grad.  Gedenke, dass du ein Mensch bist, diesen Satz hatte in der römischen Republik ein Sklave dem Triumphator beständig ins Ohr zu flüstern. Uns dies ständig zu vergegenwärtigen, kann uns davon abhalten,  immer wieder Gott   zu spielen.

Es bringt uns jedenfalls  nichts, wenn wir die Schuld an unserer Misere immer nur bei den anderen suchen, die Landpfarrer auf die Stadtpfarrer schimpfen und umgekehrt, beide zusammen auf den KSV und die Landeskirche. 

Es gibt Möglichkeiten uns gegenseitig zu entlasten, miteinander und  voneinander zu lernen,  einander dabei zu helfen, uns von einer  Sucht nach Liebe und Anerkennung zu befreien, die uns antreibt immer noch mehr zu geben über jedes gesunde Maß hinaus. Was uns daran hindert, sind diverse Unarten und  kontraproduktive Verhaltensweisen,  z.B. die eigene Art den Dienst zu tun, als die allein selig machende zu betrachten oder  im anderen eine Konkurrentin einen Konkurrenten zu sehen, dessen anders sein mich selbst in Frage stellt.

Davon kann ich mich selbst nicht gänzlich freisprechen, aber was zwingt uns den eigentlich, uns so zu verhalten. Ein Teil des Druckes unter dem wir stehen, ist hausgemacht, und wir können einander das Leben und den Dienst leichter machen,  wenn wir uns und den anderen eingestehen, das wir alle nur mit Wasser kochen, auch wenn wir das eine oder andere besser können. 

Daran dass wir gerade immer weniger werden, daran können wir kurzfristig nicht viel ändern. Aber es liegt auch an uns, ob David Hume  recht behält oder nicht, ob wir als Witzfiguren enden oder nicht,   ob wir einigermaßen gesund bleiben  oder nicht.  Auch wir entscheiden mit,  ob dieser Beruf  attraktiv bleibt, auch für solche Menschen, die kein ausgeprägtes Verlangen nach Selbstkasteiung hegen, aber gerne andere auf der Suche nach dem Sinn des Lebens begleiten würden und  ihnen hilfreich zur Seite stehen möchten ohne daraus ein Abhängigkeitsverhältnis entstehen zu lassen. Und das wäre doch was. Oder?

Nicht das ich mir an dieser Stelle  Illusionen machen würde. Wir sind ja Meister darin, alles zu hinterfragen und zu relativieren und das ist auch  sehr viel einfacher als es vielleicht einfach mal zu wagen.

Nur eines sollte uns  klar sein. Es gibt keine ausweglosen Situationen, aber oft scheint uns der Preis zu hoch, den wir zahlen müssen, um eine Situation zu verlassen. Am Ende läuft alles auf die eine Frage hinaus, die  jeder und jede für sich selbst beantworten  muss, willst du leiden oder willst du leben. Wenn wir noch nicht ganz vergessen haben, wer wir sind, Kinder Gottes geliebt und freigesprochen vor aller Zeit, berufen zu leben und dem Leben zu dienen, dann sollte uns die Antwort nicht schwer fallen. Amen.

 

02/14/16

Predigt zur Jahreslosung 2015

Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob. Röm 15,7

Liebe Gemeinde

Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob. Röm 15,7

Wenn man das so hört, dann klingt das zunächst einmal wenig spannend, den solche Töne hören, wir zurzeit allerorten. Von Kirchen, Gewerkschaften und Parteien, des eher linken Spektrums, ist man das ja schon lange gewohnt, aber nun stimmen auf einmal Sänger in diesen Chor mit ein, von  denen wir auch andere Botschaften kennen. Aber keine Angst, es ist keineswegs so, dass uns das Ende aller Zeiten bevorsteht würde, weil auf einmal alle ihr Herz Gott und dem Mitmenschen zuwenden. Nein, ich kann sie beruhigen, der alte Adam, der Mensch, der zuallererst den eigenen Nutzen im Blick hat und Gott auch ganz gerne mal einen guten Mann sein lässt, er ist auch jetzt nicht aus dieser Welt verschwunden. Wir Deutschen haben vor lauter arbeiten und konsumieren versäumt, genug Kinder in die Welt zu setzen. Damit der Laden auch in Zukunft läuft, brauchen wir Zuwanderung, das hat man selbst dort verstanden, wo man mit fremden­feindlichen Parolen schon mal gerne Wahlkämpfe bestreitet.

Wenn Arbeitgebervertreter die Menschen unseres Landes im Umgang mit Flüchtlingen und Einwanderern  an ihre Christenpflicht erinnern, dann wir mir aber ganz anders. Ausgerechnet die, die im letzten Jahrzehnt den Sozialabbau, die Entsolidarisierung und die Umverteilung der Vermögen zugunsten der Reichen massiv vorangetrieben haben, schwingen auf einmal die Fahne der Mitmenschlichkeit, weil sie den Fachkräftemangel fürchten und das man selbst den schlecht Qualifizierten in unseren Lande Löhne zahlen müsste, von denen die auch leben können.

Für die ist der Mindestlohn der große Sündenfall, weil ich dann diejenigen denen es noch dreckiger geht nicht länger gegen die ausspielen kann, die in unserem wohlhabenden Land mit Suppenküchen und Lohnzuschüssen über Wasser gehalten werden müssen.

Speiübel wird mir aber auch, wenn ich auf der anderen Seite selbsternannte Verteidiger des christlichen Abendlandes  sehe, die ein Kreuz in den Nationalfarben Deutschlands vor sich her tragen und sich um das, was für das dieser Christus steht einen Dreck kümmern. Der Kuklux-Clan in den amerikanischen Südstaaten hat ja auch immer gerne ein brennendes Kreuz aufgestellt, wenn man gerade mal wieder einen „Neger“ gelyncht hat.

Auf solche Fans kann Christus gerne verzichten, genauso wie Allah auf  die  Schwachköpfe verzichten kann, die gegen Ungläubige geifern und  selbst in Hand nehmen wollen, was doch seine Aufgabe wäre, wenn er das wirklich wollte. Vermeintliche Diener Gottes, deren Werke nur allzu deutlich verraten wessen Geistes Kind sie sind, die braucht niemand im Himmel und auf Erden, die sollen dorthin gehen, wo sie hingehören, aber leider reißen sie auf ihrer Fahrt in die Hölle immer  zu viele Menschen mit in den Abgrund. 

Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob. Röm 15,7

Eine weitere Dosis religiös getränkten Moralins braucht niemand. Aber in diesem Vers steckt sehr viel mehr. Der beschränkt sich eben nicht nur auf einen Appell: Nehmt einander an. Dass das wichtig ist, das wissen wir alle nur zu gut, denn darum bemühen wir uns doch ständig, in unseren Ehen, Familien, am Arbeitsplatz, im Dorf, in der Nachbarschaft, in den Vereinen und auch in und zwischen den Kirchengemeinden.   Und deshalb wissen wir ja auch ganz genau, wie schwer das ist, das wir mit unserer Einsicht, unserem guten Willen, nicht immer weiterkommen. Ja klar ist Toleranz wichtig, aber die hat auch Grenzen und wer diese Grenze, wo zieht und ob man das darf oder nicht, genau das ist doch die Schwierigkeit und Grund einer wohl nie abschließbaren Diskussion.

Das fängt bei kleinen Fragen an und mündet in den Streit um die Zukunft unseres Landes.

In Bockenau wird gerne gefeiert. Das ist ja auch schön. Nur wenn dann bis morgens um 5.00 Uhr die Musik dröhnt, Helene Fischer zum 1000mal Atemlos ist, da gerät die Geduld auch des wohlwollensten Nachbarn  schon mal an ihre Grenzen. Solange das eine Ausnahme bleibt mag, das noch hinnehmbar sein, aber wenn im Sommer auf dem Freizeitgelände jedes Wochenende Party angesagt ist, dann müssen eben strenge Regeln her, die die Nachtruhe schützen, auch wenn ich das Bedürfnis auch mal durchzufeiern, wenn es gerade so schön ist, gut nachvollziehen kann.

Soll man die Burka in Deutschland verbieten. Ob eine gläubige Muslima so was tragen muss ist auch innerhalb des Islam sehr umstritten. In vielen muslimischen Ländern war die Burka unbekannt und tauchte erst mit dem Anwachsen islamistischer Strömungen auf. Als an der Al Ahzar  Universität in Kairo, einer zentralen Autorität im Bereich des sunnitischen Islams, zum ersten Mal eine Studentin in einer Burka auftauchte, hat sie ein islamischer Gelehrter   mit den Worten nach hause geschickt, das verlangt Gott nicht von dir und so hässlich, dass du dieses Ding bräuchtest, kannst du gar nicht sein.

Damit hat sich aber die Frage, ob man so eine Praktik verbieten darf, noch nicht erledigt. Im Bereich des Religiösen gibt es auch unter uns Christen, so manches was uns aller Annäherung zum trotz wechselseitig befremdet. Es soll ja noch immer Hardcore-Katholiken geben, die sich auf der Wallfahrt extra einen Stein in den Schuh legen, um möglichst viel für den Herrn zu leiden und das die Mehrheit der Protestanten die von Luther proklamierte Freiheit eines Christenmenschen so interpretiert, dass sie am Sonntagmorgen lieber im Bett bleiben, dass irritiert nicht nur fromme Katholiken.

Aber kehren wir noch einmal zur Jahreslosung zurück

Da heißt es eben nicht nur: Nehmt einander an sondern: Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat.

Warum läuft jemand bei 30 Grad Hitze in einer Burka durch die Gegend? Wie kommt ein Mensch darauf, dass er nur weil er weißer Hautfarbe ist und in Deutschland geboren wurde, etwas Besseres wäre, als ein Mensch der aus Afrika zu uns kommt?

Das alles und noch vieles mehr ist höchst irrational und folgt doch einer Logik. Wir Menschen neigen dazu uns eine Identität zu schaffen, indem wir uns von anderen abgrenzen und das nicht erst seit heute. Die Frau, die unter ihrer Burka schwitzt, tröstet sich damit für alle sichtbar keine Ungläubige zu sein. Der Mann, der ansonsten nicht allzu viel in seinem Leben auf die Reihe bekommt, hat in seiner Herkunft etwas worauf er seinen Stolz dennoch gründet.

Weil wir alle etwas brauchen worauf wir uns stützen können, weil es für keinen von einfach uns ist, ja zu sich selbst zu sagen, sich selbst anzunehmen ohne Tricks und Schminke, deshalb beantworten Menschen sich die Frage, wer sie sind, indem sie sich von anderen Menschen abgrenzen, deshalb werden immer wieder neue Gräben gezogen und seien die Begründungen noch so absurd, deshalb begehen Menschen die schlimmsten Verbrechen und fühlen sich auch noch im Recht.

Ein uraltes Spiel das in unendlichen Variationen immer wieder neu aufgeführt wird, aber auch ein Scheißspiel, das uns alle soviel kostet, Täter wie Opfer gleichermaßen, in dem diese beiden Rollen ständig ausgetauscht werden und es am Ende nur Verlierer gibt. 

Um uns da heraus zu holen, darum kam Gott in diese Welt. Das ist die frohe Botschaft, die wir in der Krippe finden, das Gott dich und mich angenommen hat, dass wir bei ihm ein Ansehen haben und in seiner Liebe eine Stütze und ein Halt ein Leben lang und darüber hinaus.

Dieses Geschenk für mich anzunehmen, darum geht es im Glauben und das ist kein einmaliger Akt, sondern geschieht in einem lebenslangen Ringen mit der Versuchung mein Selbstvertrauen anders zu begründen.

Diese Versuchung ist groß und immer vorhanden. Und es gibt da ja auch Alternativen. Ich kann mich auf meine Leistungen stützen, meine Erfolge, mein Wissen, meine Fitness, mein Aussehen, meinen Freundeskreis, meinen Besitz, auf meine Herkunft und auch auf meinen Glauben, wenn ich unter dem letztlich auch nur wieder eine menschliche Leistung und kein Geschenk Gottes verstehe. Und in all diesen Fällen habe ich dann auf Sand gebaut, auf Dinge gesetzt, die endlich und vergänglich sind, die vor meinen Augen dahinschwinden können und die Angst, das dies geschehen könnte, wird mein steter Begleiter sein und mein Selbstvertrauen untergraben.

Gegen diese Angst richtet sich eigentlich die Wut, die  ich an anderen Menschen auslasse, vergeblich, weil sich auf diese Weise nichts ändern wird, weil ich diesen Krieg nur verlieren kann, wenn ich immer nur an der falschen Front kämpfe.

Friede finde ich, wenn ich lerne auf Gottes Zusage zu vertrauen. Du bist angenommen. Du wirst geliebt. Du brauchst all diese Krücken gar nicht. Dorthin zu gelangen ist alles andere als einfach, aber es lohnt jede Mühe.

Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat.

Es geht nicht darum immer zurückzuweichen, die eigenen Interessen, denen anderer zu opfern, es geht darum sich in jener Freiheit und Souveränität zu üben, die Gott uns seinen Kindern schenkt, auf das wir das Spiel umkehren, so dass fortan alle dabei gewinnen. Wer sich angenommen und geliebt weiß, kann sachlich die Probleme angehen, die sich im Zusammenleben von uns Menschen immer ergeben werden, mit ausreichend Spielraum,  um umzukehren und um anderen die Umkehr zu ermöglichen, stark genug, um zu vergeben und Vergebung anzunehmen. Wo das geschieht, da lacht Gott das Herz, da preisen wir seinen Namen lauter und glanzvoller, als unsere Lieder und Gebete als all unsere frommen Anstrengungen es könnten.

Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.

In Christus ist Gottes Liebe uns Menschen erschienen, damit wir unser Leben aus dieser Quelle speisen und mit der ganzen Schöpfung, den preisen, der aus Liebe diese Welt ins Leben rief und noch heute ins Leben ruft. Der Anfang ist und Ende. Grund und  Ziel unseres Daseins und von allem was war, ist und sein wird.  Amen.